Sandy Green

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Thüringen

 

Unsere Neue Zeitung, 24/2010

Da war nichts als Leere...

Im Zusammenhang mit der Wanderausstellung “Lagerbordelle, Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern”, die am 28. November zu Ende ging, konnte Sandy Green gewonnen werden, aus ihrem Buch “Zaunkönigin” Lesungen in Thüringen durchzuführen. Geboren 1969 in Mannheim lebt sie als freie Autorin in Solingen und schreibt Gedichte, Erzählungen, Märchen und Romane. Sandy Green las am 23. November in der Stadtbibliothek Weimar. Sie bot durch die Beschreibung des Schicksals der Protagonistin Elfi die Möglichkeit, das Thema Zwangsprostitution als eine schreckliche Facette der deutschen Geschichte unmittelbar zu erfahren. Green verlieh den zum Schweigen verdammten Frauen eine Stimme. Es ist die erschütternde Geschichte der Zwangsprostituierten Elfi, die nach der Befreiung des Lagers zu ihrem Mann Benno zurückkehrt. Doch die Rückkehr in ein normales Leben scheint nach ihren traumatischen Erlebnissen unmöglich. Sie kann über die schrecklichen Dinge, die sie erleben musste, nicht sprechen. Ein Kampf um ihre Liebe und gegen die Erinnerungen beginnt. Sandy Green beschreibt diesen Kampf, diese Zerrissenheit mit solch ungeheurer spannungsgeladener Wucht und fast Schillerscher Dramatik, dass einem der Atem stockt. Dieses Buch sollte für jeden aufrechten Demokraten ein Leitfaden gegen das Vergessen sein.
                                 
Reiner von Zglinicki
 

Freies Wort, Schmalkalden, 29.11.2010

Unbekanntes Leiden

Eine Buchlesung mit Sandy Green zum Thema Zwangsprostitution in ehemaligen KZ-Lagern hatte die Partei Die Linke ihrer Mitgliederversammlung vorangestellt.

Von Erik Hanke

Schmalkalden – Der Zaunkönig ist jener kleine Vogel, der die Freiheit besitzt, hinzufliegen wohin er möchte. Diese Freiheit hatten die Frauen in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mauthausen nicht. Sie wurden doppelt gefangen gehalten. Waren doch einige von ihnen nicht im KZ eingesperrt, sondern mussten im Häftlingsbordell das perfide Belohnungssystem der KZ-Schergen erfüllen.
In der Öffentlichkeit ist über diese seelischen und körperlichen Qualen der Frauen nur wenig bekannt. Autorin Sandy Green lüftet mit ihrem Buch „Zaunkönigin“ den Schleier der Geschichte ein wenig. Dieser Tage las sie im Rahmen einer Gesamtmitgliederversammlung der Partei Die Linke in Schmalkalden.
In ihrem Roman berichtet die Autorin vom Schicksal der Zwangsprostituierten, denen nicht nur die Freiheit, sondern auch die Würde genommen wurde. Erschrockene Gesichter, Beklemmung und Entsetzen machten sich in den Mienen der etwa 20 Zuhörer breit, denn viele von ihnen waren mit diesem Thema noch nie direkt konfrontiert worden. Zu hören, dass Frauen am Abend acht Häftlinge „bedienen“ mussten und gleichzeitig geschildert zu bekommen, wie homosexuelle Gefangene mit dem rosa Winkel gedemütigt wurden, weil sie nicht zu den Zwangsprostituierten wollten, war durchaus schockierend. Dabei handelte es sich bei der Lesung um einen Roman und längst noch nicht um die Wirklichkeit.
„Die Frauen waren ihr Leben lang traumatisiert und stigmatisiert“, berichtete Sandy Green über ihre Recherchen. In der Öffentlichkeit wurden sie geächtet, sobald ihr Schicksal bekannt wurde, geradeso, als ob sie dafür Schuld trügen. Vor diesem Hintergrund hätten sich nur ganz wenige Frauen, die in den KZ zur Prostitution gezwungen wurden, jemals anderen anvertraut. Es gibt nur wenige Berichte von ihnen. Sandy Green war auf das Thema aufmerksam geworden, nachdem sie in einer Zeitschrift von der Eröffnung einer Ausstellung im KZ Mauthausen gelesen hatte. Dort steht die Bordellbaracke noch. Ein österreichischer Verein hatte sich des Schicksals der Frauen angenommen und als Mahnung darüber berichtet.
Von dem Moment an, wo sie das las, habe sie das Schicksal der KZ-Frauen nicht mehr losgelassen. „Ich habe keine Schuld an dem was passiert ist, aber ich habe Verantwortung als Deutsche“, begründete sie ihr Engagement, das Tabu-Thema öffentlich zu machen.
Wie schlimm es den Frauen in dem Häftlingsbordell ergangen sein muss, lassen einzelne Sätze in dem Roman erahnen. „Du bist tot, nur noch nicht tot genug“, sagt eine von ihnen.
In dem Buch schildert Green am Beispiel einer Frau die Anfänge der Bordells in den Lagern, den Alltag der Frauen mitsamt ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Verzweiflungen und das Schicksal nach der Befreiung.
„Selbst nachdem sie befreit waren, waren sie immer noch gefangen“, schilderte die Autorin in der Diskussion nach der Lesung das Schicksal der jungen Frauen. Überlebende müssten heute etwa 90 Jahre alt sein. Es gelte die Erinnerung an ihr Leid wach zu halten, damit solche Gräuel nie wieder vorkommen, mahnte die Autorin.
Im Lokal „Bergfreunde“ erhielt Sandy Green nach der Lesung viel Beifall. Das war aber kein tosender Applaus, sondern eher ein verhaltenes, nachdenkliches Klatschen.

Sandy Green „Zaunkönigin“, Ausgabe 2010 Taschenbuch, 14,90 Euro, Verlag Shaker Media

 

Freies Wort, 27.11.2010

Die vergessenen Zaunköniginnen

In der fiktiven Geschichte um die Romanfigur Elfriede beschäftigt sich die Autorin Sandy Green mit dem Thema Lagerbordelle in der NS-Zeit. Ihr Buch „Zaunkönigin“ stellte sie in einer Lesung vor.

Von Linda Hellmann

Suhl – Für Elfi wird die Welt nie wieder so sein können wie vorher. Nie wird sie mit jemandem darüber reden, was passiert ist. Das hat sie sich geschworen. Nie wird sie vergessen können.
Vergessen konnte auch die Autorin Sandy Green nicht, was sie in der Ausstellung „Lagerbordelle – Sexzwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern“ gesehen hatte. „Es hat mich verfolgt“, erzählt sie über ihre Motive, ihren ersten Roman über ein so schweres Thema wie Lagerbordelle zu schreiben.
„Zaunkönigin“ erzählt die fiktive, tragische Geschichte einer Frau – Elfi – die stellvertretend für viele andere steht. Es ist das Schicksal der Frauen, die in Arbeitslagern des NS-Regimes zur Prostitution gezwungen wurden und nie darüber reden konnten.
Dass es in den Arbeitslagern Bordelle gab, ist nicht unbekannt. Aber es ist ein lange verschwiegenes, wenig aufgearbeitetes Thema. Denn kaum eine der 200 Frauen, die zur Sex-Zwangsarbeit gezwungen wurden, sprach darüber. Genauso wenig die Häftlinge, die ein Bordell aufsuchten. 2005 setzte sich erstmals eine Studentengruppe mit dem Thema auseinander, es entstand eine Ausstellung, die von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück erweitert und zusammen mit einer Künstlergruppe der Universität der Künste in Berlin gestaltet wurde.

Keine Distanz

Es ist ein Thema, das wenig illustriert werden kann, die Ausstellung beschränkt sich auf Interviews, Krankenakten, Briefe, Buchführungen. Es ist eine Aneinanderreihung von Fakten, der Besucher muss sich alles selbst erarbeiten.
Zur Buchlesung am Mittwochabend in der Rimbachbuchhandlung verzichtete Autorin Sandy Green zunächst auf eine Schilderung der Fakten. Sie liest aus ihrem Roman. Die einzelnen Passagen lediglich unterbrochen von langen, tiefen Saxofontönen einer CD. Sie passen zu der traurigen Geschichte, eben Zeit zum Nachdenken über soeben Gehörtes.
Sandy Greens Roman geht das Thema nicht von der nüchternen, sachlichen Seite an. Beschrieben werden verschiedene Frauen, ihre persönlichen Eindrücke und Erlebnisse, ihre Gefühle. Es ist eine Geschichte, die dem Leser nahe geht, wenn er es zulässt.

Nie erlebte Freiheit

Sandy Green beschreibt schonungslos, was in den Bordellen geschah. Wie Elfi zum ersten Mal einen Häftling bedienen muss: „Sie schaute auf sich wie eine Fremde.“ Und sie beschreibt in einem Gespräch zwischen Elfi und Ilse das Schicksal vieler Frauen, die sich aufgaben. „Es ist die einzige Entscheidung, die ich selbst treffen kann zu entscheiden, wie ich sterbe“, sagt Ilse zu Elfi. Immer wieder taucht in dem Buch ein kleiner Vogel auf, der auf dem Lagerzaun sitzt und ein Liedchen trällert. Er symbolisiert die Freiheit, die die Zaunköniginnen nie hatten, auch nicht, als sie längst befreit waren.
Ab 1942 wurden zehn Lagerbordelle auf Anweisung von Heinrich Himmler errichtet. Sie waren Teil eines perfiden Prämiensystems. Stufe eins: Ein paar Zigaretten, Stufe zwei: ein kleiner Lohn von 30 Pfennig, Stufe drei: die Erlaubnis für den Bordellbesuch. So sollten die Häftlinge motiviert werden, mehr zu arbeiten.
Der Roman versucht, alle Facetten zu beleuchten: Dass die Frauen in den Bordellen besseres Essen bekamen, dass die Kunden vor allem „Privilegierte“ waren, wird genauso thematisiert wie der Preis, den die Frauen für vermeintlich bequemes Überleben zahlten: Verhütungsmittel hab es nicht, wurden sie schwanger, mussten sie abtreiben, viele starben, andere wurden sterilisiert. So auch Elfriede, die nach der Befreiung ihren Mann wiederfindet. Doch mit diesem „Happy End“ gibt sich die Autorin nicht zufrieden. Vielmehr schildert sie eindringlich auch die Zeit danach, das Verdrängen, die Schuldgefühle, das Schweigen und das unweigerliche Zugrundegehen an den Erinnerungen.
„Sie waren lebenslang zum Schweigen verurteilt“, sagt Sandy Green im Gespräch mit den Zuhörern, die viele Fragen haben. „Ich habe eine Verantwortung als deutsche Bürgerin, sie liegt in der Geschichte meines Volkes und ich versuche, dem Rechnung zu tragen.“
Der Roman ist ein Schritt in der Aufarbeitung. Keine der Frauen, die als sogenannte „Asoziale“ in die NS-Lager kamen, hat eine Entschädigung erhalten. Sexuelle Gewalt gilt nach dem Völkerstrafrecht erst seit 2002 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

 

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