Sandy Green

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Räuberlesungen

Artikel des “Mannheimer Morgen” vom 20.09.2004

Gewinnen ist eine Gratwanderung
RÄUBER 77: Mannheimer Literaturpreis 2004 geht an den in der Schweiz lebenden Peter Merz
Von unserer MitarbeiterinChristina Altmann
 

Alljährlich lädt das Literarische Zentrum Rhein-Neckar, „Räuber 77“, Autoren ein, ihren Gedanken zu einem vorgegebenen Thema freien Lauf, ihre Worten tanzen zu lassen. In diesem Jahr bereits zum 20. Mal. Im Rahmen eines zweitägigen Festivals wurden nun in der Mannheimer Kunsthalle drei Beiträge prämiert. Die beste der insgesamt 65 eingereichten Kurzgeschichten schrieb der in der Schweiz lebende Mannheimer Walldorflehrer Peter Merz. Seine Erzählung „Astmanns Vision“ überzeugte die Jury zum einen durch sprachliche Versiertheit und feine Ironie, zum anderen, so bestätigte der Literaturredakteur des Mannheimer Morgen, Thomas Groß, durch das Berühren religiöser Fragen am Beispiel einer trinkfreudigen Männerrunde.
Den zweiten Preis erwarb die aus Köln stammende Dramaturgin Angelika Jesse für „Die Gazelle“ nach Ansicht der Jurorin Lisette Buchholz vom Persona Verlag, „die bemerkenswerte Geschichte einer Reise ohne Gewissheit“. Den dritten Preis erhielt der Viernheimer BWL- und PR-Fachmann Wilfried Klewin für seine wohlformulierte Erzählung „Oma Bärbchen“, die ans Herz gehe, aber nicht der Gefahr der Rührseligkeit unterliege, wie Ludwig M. Eichinger vom Institut für Deutsche Sprache das Urteil der Jury begründete.
Der Gewinn, gleichgültig, ob er nun in geistiger, seelischer oder materieller Art durch die Prosabeiträge geisterte, hier bei der Preisverleihung nahm er Gestalt an und wurde feierlich überreicht von der „Räuber“-Vorsitzenden Rosvitha Spodeck-Walter, begleitet von Grußworten durch den stellvertretenden Kunsthallenleiter Jochen Kronjäger und den Kulturbürgermeister Peter Kurz, der das für Mannheim bereichernde Wirken dieses Literaturkreises würdigte. Mit einer ganz eigenen jazzigen, sensiblen Interpretation der ausgezeichneten Texte begeisterte bei diesem Festakt, durch den Bernhard Wondra vom Städtischen Kulturamt fachlich versiert führte, der Stuttgarter Saxophonist Andreas Krennerich.

Nicht weniger Gewinn bringend fielen die Kurzgeschichten aus, die die Autoren der „Räuber 77“ am Abend zuvor in einer Lesung im Kunstverein vorstellten. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer, wo Sieger jubeln, weinen die Besiegten, das Leben bringt sie in vielfältiger Weise hervor. So bewiesen es jedenfalls ihre Beiträge. Mal ist es die Schauspielerin in Nicole Werners „Don Carlos“, die die versprochene Rolle verliert und darauf hin die entscheidende Rolle ihres Lebens spielt: Sie rächt sich mit einem Mord. Dann wieder ist es die Frau in Margot Dreiers „persona non grata“, die den Kampf gegen die Männerdomäne gewinnt, und als erste Studentin an der Universität angenommen wird.
Sandy Green versetzt sich in die Gefühle des Soldaten auf der Seite der Sieger, der erfahren muss, dass der Besiegte dennoch zuschlägt. Während sie den Krieg der Amerikaner gegen den Terrorismus anspricht, wandelt Christiane Daubermann an den Fronten der Liebe: Sie beschreibt die Angst der Enkelin, ihren Großvater zu verlieren, der auf der Suche nach dem Glück noch einmal heiratet. Gewinnen ist eine Gratwanderung, nicht selten ein Pyrrhussieg, oder ein Sieg des lachenden Dritten. So in der Geschichte von Kurt Thoet, in der sich ein Paar im Hotel am Meer eine Schlammschlacht leistet. Den vernichtenden Sieg dabei trägt die Sturmflut davon, die alles hinwegschwemmt.

Neben seiner Erzählung vom Mann, der glaubt seine Freundin zu erobern, wenn er über seinen eigenen Schatten springt, trug Michael Bauer mit einer literarischen Kette besonderer Art zum Thema bei: Per E-Mail forderte er seine „Mit-Räuber“ zum Dialog über einen heiter erdachten Text auf. Die geist- und herzerfrischenden Ergebnisse aus „Daxen und Faxen“, aus „raffgierigen“ Liedern und „blauen Konten“ wurden hier
von elf Autoren vorgetragen. Ein Abend voller Gewinn an geistigen und – mit einem anschließenden Buffet auch an kulinarischen Genüssen, angereichert durch die Musik des Gitarristen Thomas Klein.
 

Artikel des “Mannheimer Morgen” vom 16.08.2004

Bella Italia lässt lyrisch grüßen
Autoren der „Räuber 77“ wecken Lust auf Urlaub

 

Kennst Du das Land....wohin Poeten fliehen“, fragten die Autoren der „Räuber 77“ frei nach Goethe und entführten ihre Zuhörer im Bürgermeister-Reichert-Haus nach Italien. Mit sehnsuchtsvoller Lyrik und leichter Prosa weckten sie die Lust auf Urlaub, ohne dabei allzu sehr in die gängigen Italienbilder zu verfallen.

Auch der Humor kam dabei nicht zu kurz. „Avanti mit Chianti – und danach Aspirin“, begann Adolf Kutschker seinen lyrischen Abgesang auf das Traumland in Azur. Zum „Zuhören oder Weghören“ waren seine „Schlimmericks“ als Antwort auf die neue deutsche Rechtschreibung gedacht und mit Endreimen, die oft schon weh taten: Pisa – da ist doch der Wurm drin – und das Niveau wird immer miesa.“

Marlene Klaus gab eine parabelhafte Erzählung mit vermutlich autobiographischen Zügen zum Besten. Die Erzählerin zieht es ins winterliche Italien. An den verlassenen Strandpromenaden hofft sie auf Inspiration für einen unfertigen Roman, doch auf das Schreiben kann sie sich dann doch nicht konzentrieren. Die Zuhörer erfahren, dass es in Italien auch bitterkalt sein kann, vor allem, wenn der Vermieter an den Heizkosten spart. In der Not hilft unversehens die deutsche Ehefrau des geschäftstüchtigen Südländers. „Die gebende Hand wird niemals leer.“

Sandy Green beschreibt in sehr detailreicher Sprache einen Fußmarsch auf einem Zedern gesäumten Weg mit zirpenden Zikaden. Er führt zu „La Casa“, das sie wie zuvor besichtigt, doch dieses Mal verliebt sie sich in das Landhaus mit seinem typischen mediterranen Flair.

Christine Cepok träumte in ihren elegischen Gedichten von der Ewigkeit Roms. In der Sixtinischen Kapelle spürte sie den Atem Michelangelos, am Vesuv säumten Esel und Ginsterbüsche die Serpentinen. Nicole Werner entführte mit ihren „Liebesnächten“ in das Traumland der Romantik. Humorvoll erinnerte Margot Dreier an die 60er Jahre, in denen die ersten italienischen Gastarbeiter die jungen Mädchenherzen höher schlagen ließen. So verwunderte es auch nicht, dass die Autoren zum Abschied eine Rose mit bekamen.

Musikalisch umrahmt wurde die Lesung der traditionellen Kultursommer-Reihe „Literatur im Hof“ von „Il trovatore“ Michael Schuster, der selbst vor dem vielfach gehörten „O sole mio“ nicht zurück schreckte. Die Vorsitzende der „Räuber 77“, Roswitha Spodeck-Walter, zeigte sich zufrieden. „Es ist erfreulich, dass in Ludwigshafen nicht nur innovative Chemie entwickelt wird, sondern sich auch die kostenverursachende Kultur entwickeln darf.“ Gerade in Zeiten knapper Kassen sei das für die Kulturschaffenden lebenswichtig.
                                                    hbg

 

Artikel der “Rheinpfalz” vom 14.08.2004

ES LASKERT, SCHÜLERT
UND TRAKELT

Schriftsteller aus der Region lesen in der Ludwigshafener Stadtbibliothek Impressionen aus Italien

VON UNSEREM MITARBEITER GERD KOWA
 

Wenn jeder Liebhaberpoet ein Goethe wäre! O Gott! Wozu brauchten wir dann noch einen Schiller? Verstanden? Nein? Tut nichts. Man muss nicht alles verstehen.
Bei einem Vorleseabend der literarischen Arbeitskreise „Räuber 77“ und „Literatur im Quadrat“ in der Ludwigshafener Stadtbibliothek gaben einige Poeten preis, was ihnen zu Italien in Erinnerung geblieben ist. Es ist kaum zu vermeiden, dass Dichter aus Liebe bei den Vorfahren stibitzen. Und so ist es durchaus verständlich, dass es auch mal laskert und schülert oder heimlich trakelt.
Der Surrealist Horst Dietz bevorzugt suggestive Bilder, vergleicht den Schnee auf italienischem Granit mit einem Leichentuch oder lässt Magnolien am Lago Maggiore „plärren“. Stark! Bei Christine Cepok setzen sich Leute „Dornen auf, wenn Lava glühender Wut erkaltet“. „Lautlos verliert sich der Schritt“ bei Marlene Zöller. Nicole Werner liebt die mystische Liebe zwischen Himmel und Erde. Angelus Silesius lässt grüßen! Die Phantasie ist bewundernswert. Wie ölig fließender Sirup überzuckern gelegentlich die Gefühle das Papier. Ernst und tief, dunkel auch und geheimnisumwittert sind die Wege der Grübler und Sehnsüchtigen. Bei der Vieldeutigkeit der Bilder strauchelt dann schon mal der Verstand des Zuhörers. „Zuhören auf eigene Gefahr!“, warnte der Satiriker Adolf Kutschker und las aus seinen italienischen Limmericks vor. Verona sei, so Kutschker, die einzige italienische Stadt, die nach einer deutschen Schönheitskönigin benannt wurde. Nichts gegen Hölderin, Brentano und Novalis! Aber Heine, Tucholsky und Kästner sind die aktuellen Adressen.
Der gescheiteste Text des Abends entstammte der Feder von Margot Dreier, die sich an ihre Jugendmädchenzeit in Mannheim erinnerte. Welches Mädchen habe sich, fragt sie sich, damals, als die Luigis und Roccos nach Mannheim kamen, noch mit einem Helmut oder Dieter abgeben wollen? „Hochtupiert standen wir in den Startlöchern!“ heißt es in ihrem hinreißend ironischen Text. Es dürfte mitunter leichter sein, rätselhaft dunkle Bilderfluchten zu veranstalten, als klipp und klar zu beschreiben, wie ein Haus in der Toscana aussieht, wie sich Vertingetorix kurz vor seinem Tod gefühlt haben mag oder wie eine deutsche Winterurlauberin von einem hinterhältigen Antonio behumpst und geneppt wird. Den Anforderungen solcher Textsorten entsprachen in aller anrührenden Schlichtheit auch Marlene Klaus, Sandy Green und Mo Lange. Michael Schuster beglückte das Auditorium mit italienischen Liedern. Begleitet wurde er von zwei Boxen.

 Artikel der “Rheinpfalz” vom 21.06.2004

         SCHWARZE SCHATTEN
       ÜBER HOFFNUNGSGRÜN

         Sommerabendlesung mit Werken der „Räuber77“

                     VON UNSEREM MITARBEITER HANS-ULRICH FECHLER
 

„Grün über Schattenland“ war die Sommerabendlesung der Mannheimer Literatenvereinigungen „Die Räuber 77“ betitelt. Der Gitarrist Thomas Klein war diesmal der Erwählte, die Lesung musikalisch zu begleiten. Und er tat dies mit sehr einfühlsamen Melodien. „Räuber“-Vorsitzende Rosvitha Spodeck-Walter trug zur Einstimmung einen Auszug aus einem Text des Amsterdamer Ateliers Grotesque vor, der spielerisch Wörter verschachtelt. „Einmal aufwachen wie ein Kind, keine Angst haben müssen...., dass die Schatten der Keulen größer werden und den Tag verdunkeln vor den dunklen Tagen der Barbarenkeulen“, heißt es darin. Jedes vortragende „Räuber“-Mitglied hatte seine Gedanken zu „Grün über Schattenland“ zu Papier gebracht, in Prosa- oder Gedichtform.
Margot Dreier trug in ihrem Prosastück „Seniorenresidenz“ lyrische Naturbeschreibungen vor und ließ einen gewissen Neumann sich an eine frühere Liebe erinnern. Christine Cepok, die seit  jeher lyrische Ausdrucksformen bevorzugt, ließ das Paradies auferstehen, um mit der Zeile zu schließen: „Und noch nie duftete grüner der Baum“. Hans-Ludwig Herder brachte mit „Faustkeil“ einen dunklen Aspekt der Aggressionen in das Mosaik der Autorenbeiträge, indem er mit zahlreichen Fäkalausdrücken Begegnungen und Gedanken eines Radfahrers im Straßenverkehr beschrieb und sein Prosastück in einer Schlägerei enden ließ. Spodeck-Walter nannte ihre vier kleinen Gedichte „Imaginationen“, ließ Göttervögel zum Himmel aufsteigen, beschwor ein „Land der Ahnen“ und ein „Tabu“, um – ähnlich wie in ihrem Einstimmungstext – die Wiedergeburt durch den Verlust von Angst zu feiern.
Mo Lange schickt eine Ich-Erzählerin auf die Suche nach einem gewissen Rick in dessen Wohnung, beschreibt die trostlosen Verhältnisse, in denen er lebt. Sandy Green trägt schon im Namen einen Teil des Lesungsmottos. Mit ihrer anspruchsvollen Beschreibung eines einsamen Spaziergangs mit dem Titel „Meine Schattenwelt“ fügte sie den anderen hinzu. Auch ihr Beitrag baute zunächst eine nicht greifbare Bedrohung auf und mündete in den Verlust von Angst. Michael Bauer nannte seine kleinen Prosaskizzen „Grünfutter für Schatten“ eine absurde Lesefolge. In „Sommerfrass“ ließ er Sonnen besoffen von Kernspaltungen lallen und zu einem Höllenfeuer werden, um über „Düsenbrecher“ und „Sehnsucht unter Kopfhörern“ in einem „Traumland“ zu landen. Nicole Werners stark rhythmisiertem Prosastück „Hilflos“ fühlt eine einsame Frau sich von Schatten verfolgt. Dorit Molck beschreibt in „Aufbruchstimmung“ die Überwindung einer Schreibblockade durch Beobachtungen während einer Autofahrt.
Unerwartet trug Horst Meixner, früherer Ordinarius für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Mannheim und Uralt-„Räuber“, zum Schluss noch sein kurz zuvor abgefasstes Gedicht „Situation“ vor: „Das Senkblei der Schwermut findet keinen Grund / Davor und danach leere Gegenwart / Träume fallen dem Erwachen zum Opfer / Echolos bleibt die Enge des Raums“. Hier überwogen die schwarzen Schatten das helle Hoffnungsgrün.
 

 

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