|
Artikel des Mannheimer Morgen vom 15.08.2005
Die Welt des Wassers, der Nixen und Sirenen
Literatur: “Poesie im Fluss” auf dem Museumsschiff mit der Lyrikerin Sandy Green - eine kalte, feuchte und fröhliche Lesung auf höchstem Niveau
Von unserer Mitarbeiterin Erika Deiss
»Alles fließt«. Das sagte Heraklit vor zweieinhalb Jahrtausenden, womit er meint, dass alles in der Welt wie auch im Menschenleben jederzeit »im Werden und im Fluss sei«. Dieses im, am oder auf dem Fluss nahm Sandy Green in ihrer Lesung am vergangenen Freitag wörtlich. Auf dem Achterdeck des alten Rheindampfers bot sie mit Olaf Bitzer einen sommerabendlichen Auftritt, der sich hören lassen konnte. Sandy Green, Mitglied der »Räuber 77«, hatte mit ihrem Ludwigshafener Bariton-Begleiter ein Programm (drei Schubertlieder, eine Mozartarie und ein Schmankerl aus Italien bildeten den Rahmen) derart komponiert, dass beiden Künstlern der verdiente Beifall sicher war.
Geboren 1969 in Mannheim und im Odenwald zuhause, schrieb die hochbegabte Sandy Green schon früh Gedichte und Geschichten. Ihre Lesung, eine Auswahl aus dem Ouevre, war der Welt des Wassers, seiner Nixen und Sirenen, seiner Klänge, Düfte und bestrickenden Tableaus gewidmet, die die Menschenseele immer wieder zu sich auf den Grund zu ziehen das Bestreben haben. Wie das Wasser lockt, weiß wiederum schon Heraklit: »das Auseinanderstrebende vereinigt sich; aus dem Verschiedenen entsteht die schönste Harmonie«. Das ist das ein großer Kreislauf, eine ewige Verwandlung.
Aus dem Wasser komme alles Leben, sagte Sandy Green, es sei gewaltig, mal zerstörerisch, mal friedlich plätschernd, still und regungslos (»sich wandelnd ruht es«, sagt der alte Grieche). So das Märchen von »Oceanus und Aura« - eine frei erfundene Geschichte, die den Hörer zwanglos an Ovids »Metamorphosen« denken ließ. Es gab den adäquaten Auftakt zu den Lyrik- Prosa- und Musikbeiträgen, die die Gäste auf dem abendlichen Neckar regelrecht verzauberten.
Vom »Fluss des Lebens« war die Rede, von der Liebe, und beim »Himmelsozean« war der auf einmal voller Möven. Bei den »Drei Prinzen«, als der König (»Ich bin alt und krank«) sie ausschickt (eine Probe ihrer Tauglichkeit als künftiger Regent), zog johlend eine Horde Kids vorüber - Open-Air-Veranstaltungen haben ihre Wermutstropfen. Wer zu nahe an der Reling saß - es zog wie Hechtsuppe - floh nach der Pause mittschiffs (Sandys »Feuer« hätte wohlgetan). Die Profis freilich saßen gut verpackt in ihren dicken Jacken da.
Der zweite Teil der Lesung galt »Italien - so oder so«. Mit Witz und Ironie bekamen die Touristen eins verpaßt. Doch (so die Titel ihrer kurzen Texte) Sandy Green nahm ihr versprengtes Trüppchen »Mit den Regentropfen« (anderer Aggregatzustand: »Der Tau« / »Im Nebel«) so brillierend und brillant mit auf »Die Reise« ihrer »Poesie im Fluss«, dass »Grenzenlos« am Ende die Bewunderung für eine Sprache war, die, mal gereimt, mal ungereimt, einen so eigenen, subtilen Ton in unsre manchmal reichlich triste Gegenwartsliteratur hineinbringt, dass man aus dem Staunen nicht herauskam.
Später flammten über aller Köpfen grelle Lichterketten auf; die bunten Wimpel flatterten im Wind, die Kirchenbimmeln - einmal mehr ein Ärgernis - teufelten mit den Krähenschwärmen um die Wette. »Sternschnuppen taumeln in die Ewigkeit« - »Der Fluss« war auf dem alten Kahn ein wirkliches Erlebnis. Wie die junge Sandy Green, zumal mit ihren Märchen, die dem Thema derart herzbetörend huldigten, dass selbst die »Klospülung« dazwischen (auf dem Achterdeck des Raddampfers ist ein Modell von einer Schleuse aufgebaut, das immer wieder Wasser ließ), wie Sandy Green ihr Publikum in ihren Bann zog, zeigte: Ihre Weisheit kommt von weit. Schon Pindar sagt: »Das Beste ist das Wasser.«
Von Sandy Green erschienen bisher: »Im Milchglas-Spiegel«. Gedichte; Triga-Verlag, 2004; »La Casa«. Erzählungen; Monsenstein und Vannadat Verlag Verlag, 2004.
|